Wenn künstliche Intelligenz zum Systemrisiko wird
Aufsichtsbehörden weltweit behalten Cybersicherheit, Verschuldungsgrade und die derzeit außergewöhnlich hohen Vermögensbewertungen genau im Blick. Der rasante technologische Fortschritt bringt dabei völlig neue und unerwartete Risiken in ein ohnehin schon komplexes Umfeld.
Die leistungsstärksten KI-Modelle an der technologischen Spitze könnten Cyberbedrohungen gegen die Weltwirtschaft erheblich verstärken. Davor warnte Andrew Bailey, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten im globalen Finanzwesen, die Vertreter der G20 eindringlich.
In seinem Schreiben vom August stufte er künstliche Intelligenz als eines der zentralen globalen Risiken ein – auf einer Ebene mit enormem Staatsschuldendruck, Gefahren aus der privaten Kreditvergabe und überbewerteten Vermögenswerten.
Diesen Worten kommt besonderes Gewicht zu: Bailey leitet seit März 2020 die Bank of England und übernahm im Juli 2025 zusätzlich den Vorsitz des Financial Stability Board (FSB).
Wachsende Bedrohung durch Cyberangriffe
Der Bankensektor ist heute in hohem Maße von einer Handvoll gemeinsamer Technologiedienstleister abhängig. Diese extreme Marktkonzentration bedeutet laut Experten, dass der Ausfall eines einzigen Schlüsselanbieters sofort eine Vielzahl von Instituten über Landesgrenzen hinweg treffen kann. Aus einem lokalen Problem könnte so innerhalb kürzester Zeit ein Albtraum für Banken, Märkte und Regulierungsbehörden weltweit werden.
Die gravierendste Gefahr für das Finanzökosystem liegt in der Fähigkeit fortgeschrittener KI, Geschwindigkeit, Ausmaß und Wirtschaftlichkeit von Cyberangriffen grundlegend zu verändern. Eine solche Entwicklung könnte das ohnehin fragile Vertrauen der Anleger in das Funktionieren der Märkte ernsthaft untergraben.
Gleichzeitig kann die neue Technologie auch als Verbündeter dienen. Sie stellt Institutionen nämlich innovative Werkzeuge zur Erkennung und wirksameren Abwehr von Bedrohungen zur Verfügung. Da leistungsstarke Systeme jedoch auch Angreifern in die Hände spielen, zwingt das Finanzunternehmen zu deutlich verbesserten Schutzmaßnahmen.
Eine der zentralen Aufgaben unserer Zeit ist die Entwicklung wasserdichter Wiederherstellungspläne für den Fall massiver Systemausfälle. Regulierungsbehörden interessiert daher vor allem, wie schnell betroffene Unternehmen ihre Systeme wieder hochfahren und kritische Daten sichern können.
Verborgene Gefahren an den Finanzmärkten
Die Risiken lauern jedoch nicht nur im digitalen Raum. Fachleute weisen auf die massive Ausgabe von Staatsanleihen, kürzere Laufzeiten und gefährlich hohe Hebelquoten bei bestimmten Marktteilnehmern hin. Einen solchen Druck zu bewältigen wäre äußerst schwierig, wenn es zu einem plötzlichen Vertrauensverlust oder dem gleichzeitigen Auftreten mehrerer Stressfaktoren käme.
Marktturbulenzen könnten noch durch gehebelte börsengehandelte Fonds und auf Staatsschulden ausgerichtete Hedgefonds verschärft werden. Diese Akteure sind in Phasen starker Volatilität häufig gezwungen, ihre Positionen unter Druck sehr schnell aufzulösen.
Eine weitere große Unbekannte sind die wechselseitigen finanziellen Verflechtungen zwischen KI-Entwicklern und sogenannten Hyperscalern – also jenen riesigen Technologiekonzernen, die Entwicklern die nötige Rechenkapazität und Cloud-Infrastruktur bereitstellen. Diese Verbindung schafft eine sehr enge Abhängigkeit zwischen verschiedenen Segmenten der Technologiebranche.
Die zentrale Sorge besteht darin, dass stark konzentrierte Investitionen, überhöhte Bewertungen und der Einsatz von Hebeleffekten sich bei einer abrupten Marktkorrektur gegenseitig negativ verstärken könnten. Eine solche Kombination von Schocks würde tiefe systemische Schwachstellen offenlegen.
Was Regulierungsbehörden jetzt unternehmen müssen
Vertreter der Finanzaufsicht fordern die Schaffung deutlich belastbarerer internationaler Vereinbarungen, die klare Leitplanken für den Einsatz und die Nutzung der leistungsfähigsten Algorithmen definieren. Sicherheitsvorkehrungen müssen schlicht mit dem Tempo Schritt halten, in dem moderne Technologien leistungsfähiger werden.
Globale Koordination ist dabei absolut unverzichtbar. Technologie- und Finanzströme kennen schon längst keine Grenzen mehr – würden einzelne Staaten unterschiedlichen Regelwerken folgen, würde die Eindämmung schwerwiegender Vorfälle enorm erschwert.
Behörden analysieren darüber hinaus intensiv die Möglichkeiten, fortschrittliche KI direkt in die Abwehrsysteme von Banken zu integrieren, was deren Widerstandsfähigkeit dramatisch steigern könnte. Alle Finanzinstitute stehen jedenfalls vor der Aufgabe, deutlich robustere Prozesse zur Wiederherstellung betroffener Infrastruktur aufzubauen.
Der heutige Ansatz beschränkt sich nicht mehr allein auf Prävention. Weit entscheidender ist die Frage, wie schnell wichtige Unternehmen nach einem Cyberangriff wieder handlungsfähig werden – und wie verhindert werden kann, dass sich der Schaden wie eine Infektion durch den gesamten Blutkreislauf der Weltwirtschaft ausbreitet.










