„Ich bin Hausarzt“: So viel verdiene ich monatlich nach 11 Jahren in eigener Praxis

Morgens in der Praxis: Eine Realität, die von außen niemand sieht

Zwei Minuten nach acht — und das Wartezimmer ist bereits bis auf den letzten Platz gefüllt. Jemand hustet leise in seinen Schal, ein Kleinkind strampelt wütend im Kinderwagen, und ein älterer Herr starrt auf den Boden, als könnte er aus dem Fliesenmuster seine eigene Diagnose ablesen. Mein erster Morgenkaffee kühlt langsam aus, während ich den Computer hochfahre und sofort eine Flut von Befunden, E-Rezepten, Anfragen und dringenden Nachrichten auf mich einprasselt.

Wer von außen das Schild „Hausarzt“ an der Tür liest, stellt sich ein sorgenfreies, finanziell abgesichertes Leben der Mittelschicht vor. Was sich hinter dieser Tür tatsächlich abspielt, sieht jedoch völlig anders aus. Es sind Zehn-Minuten-Konsultationen, abendlicher Papierkram, chronischer Personalmangel und das erdrückende Gefühl, immer einen Schritt hinterherzuhinken.

Und dann ist da diese eine Frage, die viele flüstern, aber kaum jemand laut auszusprechen wagt. Was wirft das alles am Ende wirklich ab?

Das tatsächliche Einkommen eines niedergelassenen Hausarztes mit eigener Praxis

Kommen wir direkt zu den Zahlen, die so gar nicht zum romantischen Bild des ärztlichen Berufes passen wollen. Als selbstständiger niederländischer Hausarzt führe ich seit 11 Jahren meine eigene Einzelpraxis. Ich betreue rund 3.400 eingeschriebene Patienten — für einen Vollzeit-Hausarzt ein völlig normaler Richtwert.

Monatlich gehen bei mir Zahlungen der Krankenkassen ein: Kopfpauschalen, Konsultationshonorare und Erstattungen für kleinere Eingriffe. Der Bruttoumsatz der Praxis bewegt sich auf dem Papier zwischen 42.000 und 50.000 Euro pro Monat. Klingt nach einer schwindelerregenden Summe, oder? Doch der Schein trügt gewaltig. Von diesem beeindruckenden Kuchen bekommt jeder ein ordentliches Stück ab.

Ein konkretes Beispiel vom letzten November: Wohin verschwinden 46.300 Euro?

Nehmen wir den vergangenen November als konkretes Beispiel. Damals gingen 46.300 Euro auf meinem Konto ein. Was ist damit passiert?

  • 12.000 Euro flossen sofort in die Gehälter meiner Mitarbeiterinnen — zwei medizinische Fachangestellte und eine Teilzeitkraft.
  • 3.400 Euro verschlangen Miete und laufende Betriebskosten des Gebäudes.
  • 1.200 Euro kosteten EDV-Systeme, Telefonie und das Online-Terminportal.
  • 3.000 Euro entfielen auf Verbrauchsmaterial, Praxisversicherung, Reinigung, Steuerberatung und Pflichtbeiträge zu Berufsverbänden.
  • 2.500 Euro absorbierten Berufsunfähigkeitsversicherung und betriebliche Altersvorsorge.

Nachdem ich dem Staat Einkommensteuer und Sozialabgaben abgeführt habe, bleibt von dem atemberaubenden Umsatz eine recht gewöhnliche Zahl übrig. Auf meinem privaten Konto landen unterm Strich durchschnittlich 7.000 bis 8.500 Euro netto pro Monat.

Gutes Geld — aber zu welchem Preis?

Es bringt nichts, sich etwas vorzumachen: Das ist ein sehr solides Einkommen. Doch es gibt einen entscheidenden Haken. Ich arbeite regelmäßig 55 bis 60 Stunden pro Woche und lebe dabei keineswegs in Saus und Braus. Medizinische Verantwortung, Arbeitgeberpflichten und sämtliche finanzielle Risiken ruhen gleichzeitig auf meinen Schultern.

Wenn das Praxisdach undicht wird, meine Assistentin drei Monate lang krank ausfällt oder der Staat von heute auf morgen neue Software vorschreibt, bezahle ich alles aus derselben Kasse. Anders als ein komfortabel im Krankenhaus angestellter Facharzt habe ich keine bezahlten Krankheitstage, keinen bezahlten Elternurlaub und keine Institution, die großzügig für meine Rente spart.

Jedes Sicherheitsnetz muss ich mir ausschließlich selbst spannen und selbst finanzieren. Von außen wirkt das wie ein klares Geschäftsmodell. Von innen ist es ein täglicher Balanceakt auf dem Hochseil.

Was den monatlichen Gewinn aufbaut — und was ihn unbemerkt aufzehrt

Patientenzahl: Ein lebendiger Organismus, keine feste Größe

Der erste Schlüssel für eine gesunde Praxisführung liegt im Verständnis, dass die Patienten der eigentliche Motor sind. Hätte ich nur 2.000 Namen in der Kartei, würden die Einnahmen drastisch sinken. Bei 4.000 Patienten würde ich zwar mehr verdienen, aber Stress und Burnout-Risiko würden exponentiell steigen.

Mein Patientenregister behandle ich daher fast wie einen lebenden Organismus. Die ideale Größe halte ich bewusst bei rund 3.200 bis 3.500 Personen — ausreichend, um die Kosten zu decken, aber gleichzeitig eine Garantie dafür, dass Medizin nicht zum anonymen Fließbandbetrieb verkommt.

Delegieren: Eine finanzielle Entscheidung, keine Bequemlichkeit

Ich investiere konsequent in qualifizierte Fachangestellte, die Triage und Standardanfragen souverän bewältigen können. Jede meiner persönlichen Konsultationen bekommt dadurch echten Mehrwert. Das ist nicht nur ein Ansatz für bessere Patientenversorgung — es ist eine durchdachte unternehmerische Entscheidung, denn der monatliche Nettogewinn hängt unmittelbar von diesem empfindlichen Gleichgewicht ab.

In den Anfangsjahren versuchte ich, an allem zu sparen. Sonntagabends erledigte ich selbst die Buchhaltung, schrieb in meiner Freizeit interne Protokolle und verbrachte endlose Stunden damit, Krankenkassen wegen verspäteter Erstattungen hinterherzutelefonieren. Ich sparte ein paar Euro bei den Rechnungen, zahlte dafür aber mit chronischer Erschöpfung.

Heute übernimmt ein Steuerberater den Großteil der Zahlenarbeit, eine Assistenz unterstützt mich bei nichtmedizinischen Verwaltungsaufgaben und für den Bereitschaftsdienst habe ich mich einer lokalen Kooperative angeschlossen. Mein Nettoeinkommen fällt durch diese Ausgaben gelegentlich etwas geringer aus — mein Kopf ist dafür deutlich klarer und ich mache wesentlich weniger Fehler. In Momenten, in denen es darum geht, ob etwas harmlos ist oder ob sofort der Notarzt gerufen werden muss, ist das absolut entscheidend.

Die schleichenden Kosten, die um die Ecke lauern

Dann sind da noch die unscheinbaren, sich langsam einschleichenden Ausgaben. Plötzlich braucht man zusätzliches Personal, weil der Staat einen größeren Teil der psychischen Gesundheitsversorgung in die Primärversorgung verlagert. Neue Vorschriften erfordern teurere Ausstattung. Oder der Vermieter entscheidet sich, die Miete auf das aktuelle Marktniveau anzuheben.

Auf dem Papier wirkt eine etablierte Hausarztpraxis wie ein stabiles kleines Unternehmen mit herrlich berechenbarem Cashflow. In der Realität ähnelt sie eher einem alten Segelboot in wechselhaftem, schnell drehendem Wind. Ein längerfristig erkranktes Teammitglied kann den persönlichen Gewinn um 1.000 Euro im Monat drücken. Eine Grippe-Epidemie im Winter bedeutet endlose Überstunden, die niemand vergütet. Und genau in dem Moment, in dem man aufatmet und denkt, die Praxis sei endlich stabil, verschiebt sich der Fels unter dem Wasser wieder.

Praktische Schritte für eine gesunde Praxis und einen klaren Kopf

Die wirkungsvollste Gewohnheit, die mir geholfen hat, Stress zu reduzieren und die Finanzen in den Griff zu bekommen, ist geradezu schmerzhaft einfach. Jede Woche blockiere ich kompromisslos zwei Stunden ausschließlich für unternehmerische Aufgaben in meinem Kalender. Keine Patienten, kein Telefonklingeln. Nur ich, meine Kennzahlen und eine detaillierte Aufgabenliste.

In diesen wertvollen Stunden gleiche ich den tatsächlichen Umsatz mit den geplanten Kosten ab, suche nach Optimierungspotenzial und denke voraus, was im nächsten Monat auf mich zukommt. Das ist kein glamouröser Job — aber genau diese Arbeit entscheidet darüber, ob die Praxis läuft oder sich langsam zu Tode schuftet.

Seien wir ehrlich: Diese Arbeit täglich ohne verlässliche Unterstützung zu erledigen und dabei einen klaren Verstand zu bewahren, ist eine reine Utopie. Die beste Investition, die ich je getätigt habe, war nicht in ein hochmodernes Gerät. Es war die Investition in die richtigen Menschen an meiner Seite — und in zwei ruhige Stunden pro Woche nur für mich.

Author

  • Markus Steiner ist ein österreichischer Autor mit Interesse an Haushalt, Garten und cleveren Alltagstipps. Er teilt nützliche Ratschläge und inspirierende Ideen für ein komfortables Zuhause.

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